Kelchkommunion in Aspern
In meiner Heimatpfarre durfte ich den greisen ehemaligen Pfarrer von
Hetzendorf, Prälat Joseph Ernst Mayer, noch einige Jahre erleben. Er half
als Pensionist, soweit er es schaffte, bei den Sonntagsmessen in unserer
Pfarre aus und beeindruckte mich damals mit seinen packenden Predigten
und seiner spürbar ehrlichen und aus tiefstem Herzen kommenden Art, die
Texte der Messe zu sprechen und die Riten zu vollziehen.
Trotz seiner damals knapp 90 Jahre setzte er sich immer noch leidenschaftlich
für die Verwirklichung einer echten Liturgiereform ein. Ein besonderes
Anliegen war ihm die volle Form des Kommunionempfangs in beiden Gestalten
von Brot und Wein für alle Gläubigen.
So schrieb er noch 1997 in dem Büchlein "Zur Liturgie von heute
und morgen":
"Wie
kann ich es mit meinem Gewissen als Christ und Priester vereinbaren,
dass ich täglich beim Vollzug des liturgischen Auftrages Jesu einen
wichtigen Teil dieses Auftrags auslasse? Ich teile den Kelch Jesu nicht
an die Gemeinde aus, obwohl Jesus gesagt hat: "Trinkt alle daraus!
Tut das!" Damit hat er sicher alle Teilnehmer an der Messe gemeint.
[...]
Ich führe nicht aus, was ich im Auftrag Jesu der Gemeinde angeboten
habe. Warum aber kommen die Gläubigen nach der Messe nicht in Scharen
in die Sakristei, um mich deshalb zur Rede zu stellen? Auch sie haben
die Worte Jesu bei der Wandlung, am Höhepunkt der Messe, nicht ernst
genommen, wie ich, sondern unbeachtet hinunterfallen lassen.
Sie haben nicht damit gerechnet, dass ich mit den Worten Jesu wirklich
meine, was ich sage? Sie haben sie überhört? Sie sind nicht gewohnt,
dass man diese Worte Jesu erfüllen muss?
Es fällt Ihnen deshalb gar nicht auf? Sie denken nicht daran, diese
Erfüllung zu begehren, ja zu urgieren. [...]
Warum zögert also die Kirche so sehr, den Auftrag Jesu bei seinem Liebesmahl
zu erfüllen? Warum halbiert sie die Ausführung dieses Mahles, obwohl
sie im Vorwort des Messbuches die tiefe Sinnhaftigkeit des ganzen Vollzuges
einsieht und lehrt?
Es gibt keinen stichhaltigen Grund dafür. Dass man 700 Jahre lang ein
Gebot Jesu übersehen, übergangen hat, ist doch kein Grund dafür, es
weiter zu übergehen, wenn man seine Verbindlichkeit endlich erkannt
hat."
Als ich dann 1994 in der Pfarre Hetzendorf als Pastoralassistent zu arbeiten
begann, habe ich selber erlebt, wie schön es ist, diesen Auftrag Jesu
"Trinkt alle daraus" ernst zu nehmen: Mit der größten Selbstverständlichkeit
wird dort seit der Zeit Pfarrer Mayers allen Gläubigen an jedem Sonn-
und Feiertag das Brot und auch der Wein gereicht.
Und ich habe in den vier Jahren dort weder eine Situation erlebt, bei
der es praktische Probleme gegeben hätte - es ist einfach alles schon
sehr gut eingespielt (Anzahl der KommunionhelferInnen, Menge des Weines
...) - noch eine Situation, bei der es zu unwürdigem Umgang mit dem Blut
Christi oder zu besonderen Peinlichkeiten gekommen wäre - nicht einmal
bei Erstkommunionen oder Messen mit Jugendlichen.
Mit Joseph Ernst Mayer möchte ich schließen:
"Ist die Kelchkommunion wirklich ein überflüssiges Sakrament?
Jesus hat sich dabei doch etwas gedacht, als er sie einsetzte. Brauchen
nicht alle Christen die sakramentale Teilnahme am Neuen und ewigen Bund,
die sakramentale Teilnahme am Schicksal Jesu, am heilbringenden Leben,
Sterben und Auferstehen Jesu?
Also nochmals gefragt: Gibt es einen Grund, der so schwerwiegend ist,
dass man seinetwegen einen Punkt des Testamentes Jesu fortwährend und
weiterhin außer Kraft setzt?"
Mag. Markus Pories
Zitate aus: Joseph Ernst Mayer, Zur Liturgie von heute und morgen.
Österr. Kath. Bibelwerk Klosterneuburg, 1997
Praktische Hinweise
"Trinkt
alle daraus!" |