Wachstum in der Seestadt

März 2023

Gemeindeaufbau mit Spaghetti

Wo die Stadt wächst, wie im neuen Wiener Stadtteil Seestadt, wächst auch die Kirche. Dass es dafür nicht immer ein traditionelles Kirchengebäude braucht, beweist das engagierte Gemeindeteam im Seelsorgezentrum St. Edith Stein.

Was braucht Kirche, wenn weder ein Kirchengebäude vorhanden, noch ein Priester ständig vor Ort ist? „Willkommenskultur“, so die Antwort von Pastoralassistentin Hannah Flachberger, die mit zehn Wochenstunden im Seelsorgezentrum Edith Stein in der Seestadt die zuständige hauptamtlich Angestellte ist. Getragen wird die junge Gemeinde aktuell von einem Team aus Ehrenamtlichen – und das mit Erfolg, denn die Gemeinschaft wächst.

Kein Ausruhen auf Traditionen

„Kirche und Gemeinde ist mehr als Messe feiern“, ist Lukas Meraner überzeugt. Er ist als Ehrenamtlicher mit im dreiköpfigen Team der Gemeindeleitung: „Es ist schön, wenn sich Leute der Gemeinde zugehörig fühlen, auch wenn sie mit einem Gottesdienst nichts oder vielleicht noch nichts anfangen können. In Österreich ruhen wir uns viel zu sehr auf der Tradition aus, dass die Leute von alleine kommen, weil es immer schon so war. Das funktioniert aber immer weniger. Es ist jetzt die Zeit, mit Ehrenamtlichen neue Wege der Evangelisation zu finden.“

Schon während des Baubeginns 2014 ist in der Seestadt der Wunsch nach Kirche vor Ort geäußert worden und 2016 wurde das Seelsorgezentrum St. Edith Stein eröffnet. In den Räumen befindet sich auch eine Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle „auf.leben“ der Erzdiözese Wien. Da es von außen nicht sofort als Kirche erkennbar ist, wurde das Gemeindezentrum auch schon einmal für ein Bestattungsunternehmen gehalten, dabei spielt sich gerade dort das Leben in seiner ganzen Vielfalt ab und BesucherInnen entdecken eine aktive, lebendige Gemeinde.

Durch den starken Zuzug in der Seestadt gibt es im Gottesdienst eine hohe Fluktuation, die Hälfte der BesucherInnen sind Stammgäste, die andere Hälfte kommen neu oder sporadisch vorbei. Aber die Tendenz ist wachsend. Vor allem an besonderen Sonntagen wie dem Spaghettisonntag ist die Kirche voll.

Das Pfarrcafé für die eigene Gemeinde neu erfinden

Wer sich nun fragt, was ein Spaghettisonntag ist: Das ist die Idee der Gemeinde, das Pfarrcafé neu zu erfinden, denn mit dem Sonntagsgottesdienst um 11.15 Uhr passt ein Mittagessen danach einfach viel besser, erklärt Lukas Meraner. Freiwillige bringen unterschiedlichste Spaghettisoßen mit. „Alle tragen bei. Es ist die Mentalität der Gastfreundschaft. Keiner braucht nach der Sonntagsmesse kochen und man kann auch einfach nur zum Spaghettiessen kommen. Das ist uns sehr wichtig“, so Hannah Flachberger.

Drei Priester und Pfarrer Robert Rys aus Aspern halten abwechselnd die Messe am Sonntag, die bewusst spät angesetzt ist, damit die Menschen ausschlafen können. Gastgeber und Identifikationsfiguren mit der Gemeinde sind die Ehrenamtlichen vor Ort. So öffnen Wolfgang Stadler, ehrenamtlicher Gemeindeleiter im Dreier-Team, und seine Frau Gabriele jeden Sonntag um 10 Uhr die Tür des Seelsorgezentrums und stehen bereit für Kaffee und Gespräch. Alle engagieren sich für eine gelebte Willkommenskultur. „Wir gehen auf die Leute zu, begrüßen jeden, der zur Messe kommt, schauen niemanden komisch an, weil er länger nicht da war“, so Hannah Flachberger.

In der Seestadt präsent sein

Neben den Sonntagsgottesdiensten, einem Steinchenfest (Wortgottesdienst für Kinder von 0 bis 2 Jahren) mit Pastoralassistentin Petra Pories und einer dieses Semester neu dazu gekommenen Jungschargruppe, veranstaltet das Team auch immer wieder Einzelaktionen. Vertreten sind sie auch auf den Straßenfesten der Seestadt und kooperieren mit anderen Initiativen. „Es ist uns wichtig, präsent zu sein. Wir sind eine Gruppe für die Menschen hier“, erklärt Brigitte Berger, Mitglied im Gemeindeausschuss und Seestädterin der ersten Stunde.

Ziel der Einzelaktionen ist es, auf Leute zuzugehen, die die Gemeinde noch nicht kennen. So haben Ehrenamtliche zum Valentinstag Liebesbriefe von Gott verteilt, vor Weihnachten waren Hannah Flachberger und Brigitte Berger mit einer leeren Krippe auf der Straße unterwegs und Passantinnen und Passanten konnten einen Wunsch an das Christkind hineinlegen.

Das zeigt sich auch in der Vision, die das Team 2022 gemeinsam für die Gemeinde entwickelt hat:

Wir wollen mit Herzlichkeit und getragen von Vielen Freude weitergeben, uns in die Seestadt einbringen und in die Breite und Tiefe wachsen. So wollen wir Gemeinde sein, die alle willkommen heißt, die Einzelnen wahrnimmt, in der Menschen Glauben kennenlernen und Heimat finden können.

Wir probieren jede verrückte Idee aus

„Es gibt noch viel mehr Potential, aber die Ressourcen fehlen uns“, erklärt Lukas Meraner. Das Team will nicht nach einigen Jahren völlig ausgelaugt sein, daher herrscht Mut zur Lücke: „Was wir machen, wollen wir auch 'gscheit' machen", so Lukas. „Unser Ziel ist es“, fügt Hannah Flachberger hinzu, „alles auf breitere Schultern zu stellen. Niemand soll überfordert sein. Dazu müssen nicht überall Leute angestellt werden, aber es braucht einen Rahmen, in dem sich Menschen engagieren können, ohne auszubrennen.“ „Es fehlen ein wenig die Pensionisten“, so Lukas Meraner, denn gerade junge Familien haben wenig Ressourcen. Von einem belebten Standort träumt auch Brigitte Berger: „Menschen suchen Kirche, wissen aber oft gar nicht, welche Angebote es gibt.“

Eine große Stärke der Gemeinde ist für Lukas Meraner die Offenheit. „Wir haben Platz für so viel. Es ist eine lockere Atmosphäre, die Leute bereiten die Messe vor, alle können mitspielen, mitsingen, wir musizieren gemeinsam. Wenn jemand eine Idee hat, probieren wir es aus. Keiner sagt, 'Nein, das wird eh nix'." Und Hannah Flachberger bestätigt: „"Wir probieren jede verrückte Idee aus, das ist unsere Stärke.“

Engagierte fördern

Wichtig ist dem Team, dass alle Beteiligten eine gute Ausbildung bekommen. „Leute, die sich engagieren, gehören auch gefördert“, ist Hannah überzeugt. So besuchen Wolfgang Stadler und Lukas Meraner den Gemeindeleitungskurs der Erzdiözese Wien, von dem sie sich viel mitnehmen können. „Wir haben andere Probleme als traditionelle Pfarrgemeinden“, berichtet Wolfgang, der Austausch darüber sei aber sehr interessant. Brigitte Berger wiederum macht eine Caritas Fortbildung und besucht den Mission-Possible-Kurs im Figlhaus.

„Es ist eine echte Mitverantwortung des Gemeindeausschusses“, erklärt Hannah Flachberger: „Wir fangen hier klein an und rechnen immer mit Gottes Handeln. Wenn es jemandem alleine zu viel wird, dann suchen wir jemand zweites dazu.“

Mut zu neuen Formen von Kirche

Von der Diözese wünscht sich das Team Mut, in neue Formen von Kirche zu investieren, für Menschen, die mit den herkömmlichen Formen und Angeboten von Kirche nichts anfangen können. „Neues kann man nicht erzwingen, es wächst von selbst, aber es braucht Pflege und Ressourcen“, so Hannah Flachberger. „Was uns Kraft gibt, ist der Glaube. Ich mache das hier nicht für mich allein, sondern für die Gemeinschaft, damit alle Freude daran haben“, ergänzt Wolfgang Stadler.

Katharina Spörk

Quelle: https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/110891.html

Ort

Terminübersicht